Wahlkrimi in Italien: „Ich wollte doch nur in Ruhe etwas Sonnenenergie tanken“
von Thomas Giese
Donnerstag, 6.4.2006, früher Nachmittag. Ah, endlich angekommen. Der Flieger (übrigens von Frankfurt/Hahn – schönen Gruß an alle Ausbaugegner) ist in Rom gelandet, der Transfer zum Bahnhof bewerkstelligt und ich sitze im InterRegionale (jawohl, hier gibt’s den noch ) von Rom zunächst nach Neapel und dann noch weiter in den Süden. Böse Zungen im Norden dieses schönen Landes behaupten ja, südlich von Rom beginne bereits Afrika – aber zum böswilligen Versuch der Spaltung des Landes später mehr... .
„Nach diversen Wahlkämpfen“ (Bund, Kommune, JUSOS), „Uni- und Jobstress mir hier unten elf Tage Ruhe zu gönnen, habe ich mir ja wohl verdient“, denke ich im Halbschlaf.
Donnerstag, 6.4.2006, späterer Nachmittag. In Pisciotta angekommen. Erst einmal die Beine vertreten: Sonnenschein und zwanzig Grad Celsius – so soll es sein. Doch was ist das? Direkt an der Dorfstraße – auf Augenhöhe sticht mir etwas aus nicht allzu lange vergangenen Tagen entgegen. Eine Rose in der Faust, Erkennungszeichen der JUSOS. „La Rosa nel Pugno“ heißt das hier und gehört zu einer sozialistischen Partei. Schön zu wissen. Aber wollte ich nicht Ruhe haben vor dem ganzen Politkram? „Oh nein“, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, „richtig – Sonntag und Montag wird hier auf nationaler Ebene gewählt. Berlusconi muss weg, so war das“. Und klar, schon packt mich wieder das Politfieber. Ganz ohne hätte es ja auch vielleicht etwas langweilig werden können. Eine veritable Sucht gilt es zu bedienen... .
Freitag Nachmittag, gegen zwei Uhr. Bestens gespeist mal wieder bei Zia Dora. Heute war es Fisch aus dem Meer direkt vor der Tür. Welch’ eine Delikatesse. Nach dem obligatorischen Caffè heißt es nunmehr, sich auszuruhen – bin ja schließlich in den Ferien. Aber vorher noch ein paar Schritte zu Fuß. Bewegung auf der Plakatwand – da steht heute was Neues. Am Abend also soll die Abschlusskundgebung von Mitte-Links für die Region direkt hier auf dem Dorfplatz sein. Da muss ich hin, zuhören und an den richtigen Stellen Applaus spenden – Ehrensache!
Freitag, 7.4.2006, 21.00 Uhr. Auf der Piazza Pinto in Pisciotta, Provincia di Salerno, Campania drängen einige Menschen zusammen. Showdown. Redner sind Ettore Liguori, noch Senatore in Rom und Sohn des Ortes sowie Franco Alfieri und Antonio Valiante, ebenfalls heimische Größen. Hauptthema der Redner ist die Notwendigkeit, Berlusconi loszuwerden und durch Romano Prodi zu ersetzen. Besonders deshalb, weil der Medientycoon und bisherige Regierungschef die Spaltung des Landes in Arm und Reich sowie Nord und Süd vorangetrieben und besonders der Süden ,hier speziell die ländlichen Region, völlig abgehängt habe. „Argumente die hier unten sicherlich ziehen werden“, denke ich mir und applaudiere solidarisch.
Montag, 10.4.2006, gegen 15.00 Uhr. Die Wahllokale haben geschlossen. Jetzt heißt es: Ruhe bewahren, Daumen drücken und die ersten „Exit-Polls“ ((interessante Aussprache dieser Wortkombination hier im Fernsehen, etwa wie „egesid-bolls“) abwarten. Es sieht gut aus für die Linke Mitte. Sie liegt mit einem bis 5 % der Senatsstimmen vorne. So kann es weitergehen. Eine erste Projektion ist für 16.30 Uhr vorgesehen – die Spannung steigt ins Unermessliche. 16.30 Uhr. Alles mal wieder viel komplizierter als vorher gedacht – erste Projektion dauert noch. Eine Dreiviertelstunde später ist sie da: Noch immer sieht es gut aus für Mitte-Links. Das zieht sich so den ganzen Tag hin, bis Abends gegen 20.00 eine vorübergehende Schreckensmeldung kommt: Links hat zwar insgesamt für den Senat mehr Stimmen geholt, Mitte-Rechts dafür allerdings sieben Sitze mehr in diesem Gremium bekommen. Möglich ist dies nur aufgrund des von Berlusconis Mehrheit noch kurz vor Toresschluss geänderten Wahlgesetzes. Solches ist für einen fest im Bundesrepublikanischen Wahlsystem verankerten und noch dazu selber links eingestellten Menschen nur äußerst schwer zu akzeptieren. „Das gibt’s doch gar nicht, so ein Schuft“, denke ich mir. Öffne eine Flasche italienisches Bier (viel besser als sein Ruf) und lese noch etwa einhundert Seiten Frank Schulz. Heute keine Wahlergebnisse mehr, „die wollen alle nur auf meinen geschundenen Nerven herumtrampeln – morgen ist auch noch ein Tag... .“
Dienstagmorgen, kurz nach dem Aufstehen aber noch vor dem Caffè zum Wachwerden. Mittlerweile sind 17 Stunden seit Schließung der Wahllokale verstrichen. Sollte mal den Fernseher anstellen, was es da so gibt. RAI 1 bringt eine Wahlsendung – sieben Politiker und eine Politikerin reden wild durcheinander. Eine Moderatorin und ihr Kollege versuchen, die Rudel zu bändigen – mit mäßigem Erfolg. Mit einiger Konzentration bekomme ich heraus, dass es 1. noch immer kein endgültiges Ergebnis gibt; 2. Neuwahlen in der Diskussion sind, aber anscheinend nicht wirklich ernsthaft; 3. Eine große Koalition in Italien allgemein als unpraktikabel angesehen wird und 4. Anscheinend Mitte-Links irgendwie doch vorne gesehen wird. Alles andere ist fundamentaler Streit und gegenseitiger Vorwurf. „Nachwehen des Wahlkampfes und Vorbereiten einer passablen Ausgangsposition egal bei welchem Endergebnis. Alles eigentlich wie zu Hause nach solchen Wahlen“, denke ich mir. Dann kommen wieder Zahlen. Im Senat führt das Lager um Berlusconi nunmehr lediglich mit 155:154. Schon besser als gestern Abend (158:151). Allerdings haben die Rechten jetzt absolut mehr Stimmen im Senat als die Linken – Politik paradox! In der Camera liegt Mitte-Links satt vorne – Hosianna! Aber noch immer steht kein endgültiges Ergebnis der Wahlen zum Senat und zur Kammer in Italien fest. Fest steht weiterhin lediglich, dass es äußerst knapp zugehen wird – die Stimmen der im Ausland lebenden Italienerinnen und Italiener werden den Ausschlag geben. Und das kann noch bis zum Nachmittag andauern... .
Salerno, Dienstagnachmittag. Bin nach Salerno in die große Stadt zur großen Schwester und meinem Schwager, übrigens einer dieser Auslandsitaliener, auf deren Stimmen es ja noch ankommt, gefahren. Die sind auch gerade hier unten in Italien zu Besuch. Untergekommen sind die zwei bei seiner Schwester und hier gibt es außer Fernsehen auch noch Internet. Hier erst erfahre ich gegen 16.00 Uhr, dass Mitte-Links sowohl im Senat (159:156) wie auch in der 2. Kammer (340:277) die Mehrheit bekommen hat. Die Auslandsitaliener haben es endgültig vollbracht, durchaus zur Freude meines Schwagers. „Ausgleichende Gerechtigkeit“, denke ich mir: Das neue Wahlgesetz hat die Linken am Ende auch noch bevorzugt! Prodi hat gewonnen, Berlusconi ist hoffentlich endlich politische Geschichte. Jetzt heißt es: Daumen drücken, dass Mitte-Links die Kraft und den nötigen Zusammenhalt findet, eine stabile Regierung hinzubekommen. Es gibt große Aufgaben, vor allem die, die Gräben zu planieren, die auch die letzten fünf Jahre Regierung Berlusconi in Italien gerissen oder noch verbreitert haben.
Von nun an beginnen aber wirklich die Ferien - Werde die ganze Situation mal ausgiebig mit der Familie und ein paar Freunden und Bekannten bei Vino, Pizza, Pasta und Sole andiskutieren. Und noch einiges mehr... .
Thomas Giese, geb. 1970. Student der Politikwisenschaften in Marburg, war einige Jahre JUSO-Landesvorsitzender von Hessen und führt derzeit die SPD-Fraktion im Stadtparlament von Bad Sooden-Allendorf. Giese ist darüber hinaus Mitglied der „Wilton Park International Association (WPIA)“, arbeitet in der Solartechnik-Branche vornehmlich in Frankreich und ist, wie man sieht, ausgesprochen reiselustig... .